Sein Leben


Zum 150. Todestag
des DOG-Gründers
Albrecht von Graefe

Albrecht von Graefe
Sein Leben

22.05.1828, Berlin – 20.07.1870, Berlin

Albrecht von Graefe (Abb. 1) wurde am 22. Mai 1828 als 4. von insgesamt 5 Geschwistern in eine wohlhabene und angesehene Berliner Familie hineingeboren. Sein Geburtshaus war der von Karl Friedrich Schinkel (1781-1841) erbaute „Finkenheerd“ (Abb. 2), der im Tiergarten stand und im 2. Weltkrieg zerstört wurde. Albrechts Vater Carl Ferdinand (1787-1840) war der erste Direktor der Chirurgischen Klinik der Charité. Nachdem der Vater früh verstorben war, entwickelte Albrecht eine besondere Beziehung zu seiner Mutter Auguste von Graefe, geb. Alten (1797-1857). 


Abb. 2) 
Graefes Geburtshaus „Finkenheerd“ im Berliner Tiergarten. © Blida Heynold-von Graefe

Albrecht verlebte eine glückliche Kindheit und Jugend (Abb. 3). Er besuchte in Berlin das Französische Gymnasium, was wesentlicher Grund dafür gewesen sein dürfte, dass er zeitlebens frankophil blieb und fließend Französisch sprach. Das Abitur absolvierte Albrecht mit Bravour. Die Prüfungskommission befand über ihn unter anderem:
„Er hat sich durch sein bescheidenes und anschliessendes Wesen die Liebe seiner Lehrer und Mitschüler dauernd zu erwerben gewusst. […] Er hat seine guten Anlagen durch eifrige und erfolgreiche Bemühungen ausgebildet, obwohl er auf die äussere Form nicht immer das nötige Gewicht legt. […] Nach dem Ausfall der schriftlichen Prüfung und in Berücksichtigung seines stets bewiesenen Fleisses erliess ihm die unterzeichnete Kommission die mündliche Prüfung und erteilt ihm das Zeugnis der Reife zum akademischen Studium, womit sie ihn unter Anwünschung des göttlichen Segens entlässt. Er will Medizin studieren“.


Abb. 5) 
Mitglieder der „Kamelia“. Im Vordergrund mittig Albrecht von Graefe. Rechts daneben der Freund Adolf Schuft-Waldau („Nero“). Die anderen Personen sind nicht genau identifizierbar. Max Ring vermutlich hinten rechts. © Blida Heynold-von Graefe

Mit 15, 1843, bezog Albrecht von Graefe die Universität Berlin und nahm das Studium der Medizin auf (Abb. 4). Da seine Mutter nicht wollte, dass er einer studentischen Verbindung beitritt, gründete Albrecht seine eigene „Verbindung“ namens „Kamelia“, da Studenten, die keiner Verbindung angehörten, gemeinhin „Kamele“ genannt wurden. Der „Kamelia“ (Abb. 5) gehörten als „Plänchenbrüder – von „Pläne schmieden“ – unter anderem der sehr enge Freund und spätere Mitarbeiter Adolf Schuft-Waldau (1822-1895), die weiteren Mitarbeiter Julius Arendt (1825-1870) und Eduard Michaelis (1824-1891), der 1877 die erste Graefe-Biographie verfasste, der Komponist Hugo Ulrich (1827-1872), der eine h-moll-Symphonie komponierte, welche er Graefe widmete, sowie der Arzt und Schriftsteller Max Ring (1817-1901) an. Man kann davon ausgehen, dass es in der „Kamelia“, die in gewisser Weise als Vorgängerin der DOG aufgefasst werden kann, feucht-fröhlich zuging.

Während des Studiums wurde Albrecht u.a. vom Morphologen Johannes Peter Müller (1801-1858), vom Physiologen Emil Heinrich duBois-Reymond (1818-1896), vom Chirurgen Johann Friedrich Dieffenbach (1792-1847), der die erste Schieloperation ausführte, vom Internisten Johannes Lucas Schönlein (1793-1864), vom Neurologen Moritz Heinrich Romberg (1795-1873), vom Pathologen Rudolf Ludwig Karl Virchow (1821-1902) sowie vom Pulmologen Ludwig Traube (1818-1876), der später sein Arzt bis zum Tod werden sollte, geprägt. Auch Vorlesungen des Philosophen Karl Ludwig Michelet (1801-1891) gehörten zum Studium. Nach dem Staatsexamen unternahm Albrecht mit seinem Freund Adolf Schuft-Waldau, z.T. auch mit seiner Mutter und der jüngeren Schwester Wanda (1830-1914), Studienreisen durch Europa. Er hospitierte in Prag beim Ophthalmologen Ferdinand von Arlt (1812-1887), danach in Paris bei den Ophthalmologen Julius Sichel (1802-1868) und Louis Auguste Desmarres (1810-1882) sowie dem Syphilidologen Philipp Ricord (1800-1889). In Wien lernte er beim Pathologen Carl Freiherr von Rokitansky (1804-1878), beim Physiologen Ernst Wilhelm Brücke (1819-1892) und bei den Ophthalmologen Friedrich (1784-1871) und Eduard Jäger (1818-1884). In London besuchte er die Ophthalmologen George Critchett (1817-1882) und William Bowman (1816-1892). Dort machte Graefe Bekanntschaft mit Frans Cornelis Donders (1818-1889) aus Utrecht / Niederlande. Aus dieser Bekanntschaft sollte sich eine besonders innige, lebenslange Freundschaft entwickeln.  

Albrecht von Graefe lieferte dafür, warum er sich schließlich der Augenheilkunde zuwandte, zwei Erklärungen. So teilte er seiner Mutter 1851 in einem Brief mit: „Nicht weil das Auge das edelste Organ ist, sondern weil es mir wegen seiner Klarheit und Durchsichtigkeit auf manche pathologischen und therapeutische Fragen die beste Antwort gibt“. Und über seine Zeit in Prag bei Arlt berichtete er: „Arlt hat mich in die Augenheilkunde eingeführt; er hat mir dieselben gediegenen Grundsätze eingeprägt, welche er selber in Ausübung seiner Spezialität befolgt, er hat mir zuerst gezeigt, wie ein Augen-Operateur beschaffen sein muss. Glaube mir, ohne Prag würde mir Paris und Wien kaum so viel genützt haben; ja ich denke, ohne Arlt würde ich vielleicht gar nicht als Ophthalmolog nach Berlin zurückgekehrt sein“.
Albrecht von Graefe eröffnete Ende 1851 / Anfang 1852 seine Augenklinik in der Karlstraße (heute Reinhardtstraße), die er in den Jahren darauf vergrößerte und bis zu seinem Tod 1870 leitete. 

Die Tochter Maria Vogel (1854-1909) entsprang einer zu damaliger Zeit noch ungewöhnlichen, vorehelichen Beziehung in Würzburg. Albrecht von Graefe war ab 1862 glücklich verheiratet (Abb. 6). Seine Frau Anna (1842-1872) war eine Gräfin aus Dänemark, die er als 18-jährige Patientin seiner Klinik kennengelernt hatte. Der Ehe entsprangen 5 Kinder, von denen zwei bereits im ersten Lebensjahr sehr zum Leidwesen des Vaters starben. Und so war sein Leben von großen Höhen und Tiefen geprägt. Albrecht von Graefe starb am frühen Morgen des 20. Juli 1870. Er ist auf dem Friedhof II der Jerusalems- und Neuen Kirchengemeinde in Berlin-Kreuzberg begraben (Abb. 7). Seine weltberühmte Klinik hörte mit seinem Tod auf zu bestehen (Abb. 8).

Abb. 1) 
Albrecht von Graefe (Aus Richard Greeff: Welche Bildnisse besitzen wir von Albrecht von Graefe? II. Seine Portraits in systematischer Reihenfolge. Graefe’s Archiv für Ophthalmologie, 1938. Das Bild wurde ursprünglich vermutlich in einer zeitgenössischen Zeitschrift publiziert.)

Abb. 3) 
Graefe als 8-jähriges Kind. Zeichnung seiner Schwester Ottilie (1816-1898). © Blida Heynold-von Graefe

Abb. 4) 
Graefe als Student, 1847. Zeichnung seiner Schwester Ottilie. © Blida Heynold-von Graefe

Abb. 6) 
Albrecht von Graefe und seine Frau Anna, 1869. (Aus Richard Greeff: Welche Bildnisse besitzen wir von Albrecht von Graefe? II. Seine Portraits in systematischer Reihenfolge. Graefe’s Archiv für Ophthalmologie, 1938)

Abb. 7) 
Grab Albrecht von Graefes und seiner Frau Anna auf dem Friedhof II der Jerusalems- und Neuen Kirchengemeinde in Berlin-Kreuzberg

Abb. 8) 
Notiz über den Verbleib der Graefe-Bibliothek in „Klinische Monatsblätter für Augenheilkunde“, 1870

Persönlichkeit

Die Verbindung zu seinen Jugendfreunden hat Albrecht von Graefe (Abb. 1) bis zuletzt gehalten. Das, was er seinem Freund Adolf Schuft-Waldau (1822-1895) von der Isola bella im Lago maggiore 1854 schrieb, war für ihn weit mehr, als ein Lippenbekenntnis:
„Was sind doch alle Güter des Lebens, Ruhm, Verehrung und was sonst den Menschen reizt, gegen das Glück, welches Freundschaft und Liebe uns entgegenträgt. Ohne dieses darbt und durstet die Seele, und es fehlt jener innere Zauber der Empfindung, der uns das Leben werth macht; und an den wir nicht ohne die schmerzlichste Wehmuth denken können, wenn wir ihn vermissen. Er ist die eigentliche Heimath des Herzens, sein Verlust unerträgliche Verbannung. Jede innige Beziehung der Menschen zueinander ist ein Heiligthum, weil der Mensch überhaupt nur durch den Menschen ist. Darum soll man sie auch werth und unantastbar halten“.

Vielleicht mehr noch als seine großartigen Erfolge in der Lehre (Abb. 2) – Julius Hirschberg (1843-1925) nannte ihn den „Lehrer des Erdkreises“ – und in der Forschung beeindruckt noch heute seine Persönlichkeit. Seine Wertevorstellungen bleiben zeitlos. Obwohl aus einem begüterten Elternhaus stammend, war Albrecht von Graefe anspruchslos und bescheiden. Auf Äußeres legte er wenig Wert, seine vielen Orden trug er nur widerwillig. Graefe hatte Humor und war einer guten Zigarre und einem guten Glas Wein nicht abgeneigt. Er war nicht streng religiös und, trotz seiner Nähe zum preußischen Königshaus, (im Gegensatz zu seinem Freund Virchow) eher unpolitisch. Graefe war polyglott (Abb. 3) und pazifistisch eingestellt. Er unterhielt eine umfangreiche Korrespondenz. Erhalten geblieben sind vor allem seine Briefe an Fachkollegen (Abb. 4). Nicht nur in der Wissenschaft war er stets wahrheitsliebend und selbstkritisch. Wiederholt berichtigte er sich. Von ihm erkannte Missstände sprach er deutlich an. Freunde und Schüler förderte er, wo er nur konnte. Vor allem zeichnete er sich gegenüber seinen Patienten durch große Humanität aus.

Abb. 4)
Ausschnitt aus einem Brief Graefes vom 27. April 1863 aus Berlin an sein „Gewissen“ Julius Jacobson (1818-1889): „An Offenheit und Wahrheitsliebe wird es uns Allen nicht fehlen, denn ich denke, wir haben die Wissenschaft zu lieb zum Lügen und setzen die allerhöchste Ehre darin, nicht der Glücklichste, sondern der Wahrste zu sein. Erfreuen Sie noch durch gelegentliche Notizen (die natürlich nur für mich sind) Ihren treuen und dankbaren A. v. Graefe“. Der Brief weist Brandschäden auf, die vermutlich im 2. Weltkrieg entstanden sind (Archiv J. M. Rohrbach).

In seinen Jugenderinnerungen „Alt Berlin“ von 1913 beschrieb der Berliner Schriftsteller Felix Philippi (1851-1921) eine Begegnung im Salon seiner Mutter wie folgt:
„Dort zwischen den beiden Fenstern im Ecksalon, wo sich jetzt die Banalitäten eines Spießbürgers aus der Provinz breit machen, stand einst ein Mann, der mit seiner messerscharfen Dialektik, mit dem glühenden Lavastrom seiner Rede und mit der Macht seiner Persönlichkeit alle in seinen Bann zwang (Anmerkung: gemeint ist Ferdinand Lassalle, [1825-1864], Arbeiterführer und 1863 Gründer des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins, einer Vorläuferorganisation der heutigen SPD). […] Und der Dritte (Anmerkung: Arzt neben Moritz Heinrich Romberg [1795-1873] und Eduard Henoch [1820-1910]), der seinen ständigen Platz am Kamin hatte, der schlanke Mann mit dem wundervollen, edlen und leidenden Christuskopf, hieß Albrecht v. Gräfe. Er hatte mich durch eine Operation von einem lästigen Augenübel befreit und verkehrte seit dieser Zeit freundschaftlich in unserem Hause. Tausenden hat dieses bahnbrechende Genie Licht und Sonne und Glück und Lebensfreude wiedergegeben, Tausende hat er mit seiner nie versagenden Güte, seiner unerschöpflichen Milde erquickt: ein Himmelsbote, dessen irdische Laufbahn nur 4 Jahrzehnte zählte. Er war der einzige in jenem Kreise, an den sich Lassalle in seiner draufgängerischen, manchmal auch recht provozierenden Art nicht herantraute, vor dem sein souveräner Spott und sein geistreicher Sarkasmus still hielt, der einzige, vor dem er in Ehrfurcht die Fahne senkte. ‚Graefe! Sie sind kein Mensch!‘ rief Lassalle einmal über die ganze Gesellschaft, ‚Sie sind ein Heiliger, und mit Heiligen streite ich nicht!‘.

Und so nimmt es nicht Wunder, dass Albrecht von Graefe bis heute nachwirkt und präsent ist.

Abb. 1)
Albrecht von Graefe (Aus Margarete Quidde: Erinnerungen an Albrecht von Graefe. Zu seinem 25sten Todestage zusammengestellt aus Werken und Briefen J. Jacobson’s, 1895)
Abb. 2)
Albrecht von Graefe mit einer Patientin beim Dozieren. Eine Datierung ist nicht bekannt, wohl um 1865. Graefes Vortrag wurde von allen seinen Zuhörern als „fesselnd“ beschrieben (Aus Richard Greeff: Welche Bildnisse besitzen wir von Albrecht von Graefe? I. Drei unbekannte Abbildungen mit v. Graefe. Graefe’s Archiv für Ophthalmologie, 1938)
Abb. 3)
Albrecht von Graefe mit seinem Freund William Bowman (1816-1892) aus London, um 1868 (Aus Richard Greeff: Welche Bildnisse besitzen wir von Albrecht von Graefe? IV. (2. Nachtrag). Graefe’s Archiv für Opthalmologie, 1938)